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Der Hamster und sein Spiegel Drucken
Mischi Ammann, 29.6.2003

Heute habe ich mich entschlossen, ich möchte meinen Mitmenschen mit einer neuen Frisur begegnen.

Ich wasche mein Haar und nehme eine Schere zur Hand. Damit werde ich der Gestalter und Erschaffer meiner neuen Frisur. Meine Vorfreude lässt mich strahlen, innerlich aufblühen und ich fühle mich rundum glücklich.

Schnipp schnapp, hier und da, oben, auf der Seite, von hinten nach vorne ...

Meine neue Frisur ist vollendet.

Ich ziehe mir etwas Feines, Schönes an und begebe mich nach draussen, auf in die schöne, grosse Welt. Alle möchte ich sie beglücken mit meiner neuen Frisur.

Oh, mein erstes Gegenüber. Schnellen Schrittes bewege ich mich auf es zu. Und da ...

„Iiiiiii, wie siehst Du denn aus. Hast Du keinen Spiegel ?!"

„Spiegel ???" Warum sollte ich meine neue Frisur denn in einem Spiegel betrachten ? Ich weiss doch ganz genau, wie ich aussehe.

Würdest Du das auch so machen ? Dich neu frisieren, hübsch zurecht richten so ganz ohne Spiegel ? Eine Veränderung vornehmen, so ganz ohne Speigel ?

Nein ?


Ist es möglich, dass Du das mit Deinen Gedanken so machst ? Eben ohne Spiegel ?

Als denkender Hamster befasse ich mich mit meinen Gedanken. Oft stundenlang. Ich möchte meine Gedanken verändern, ich möchte mich verändern, ich möchte vielleicht die ganze Welt verändern.

Ich denke also. Ich werde ohne Spiegel einfach denken. Ganz lange Zeit und ganz lange Zeit wird sich nichts verändern.

Aus dem Grunde, weil ich meine Gedanken in keinem Spiegel sehen kann.

Gedanken von heute sind morgen vergessen. Aus ihnen werden Interpretationen. Die Interpretationen sind umformbar. Jederzeit und beliebig.

Genau so wie die neue, veränderte Frisur, lassen sich meine Gedanken am besten transformieren, wenn ich sie reflektieren kann.

Ohne Spiegel, wahrscheinlich keine neue, schöne Frisur.

Ohne Aufzeichnung, wahrscheinlich keine neue, bereichernde Transformation.

Ich kann meine Gedanken mit meinem Hirn unmöglich so festhalten, dass ich sie zu einem späteren Zeitpunkt ganz präzise reflektieren und hinterfragen kann. Zeitlich verschobenes Auseinandersetzen mit meinen ursprünglichen Gedanken wird von mir selbst verunmöglicht.

Deshalb finde ich es so wichtig, dass Du Deine Gedanken in irgendeiner Form festhältst. Egal ob Du das mit Papier oder einem Tonträger machst. Die Hauptsache ist die, dass Du von Zeit zu Zeit in diesen „Spiegel" schaust.

Dann werden sich die Wörter transformieren, die Gedanken werden klarer strukturiert sein, Probleme wandeln sich zu Herausforderungen und Dein Leben wird langweilig.

So langweilig, weil Du kein Bedürfnis mehr hast Dich zu beklagen.

Langweilig, weil Du keine Veränderung mehr ersehnst, aus dem Grunde, weil Du erkennst, dass Du Dich bereits in der Veränderung befindest.

Die meiste Zeit glücklich sein, das kann Dich langweilen.


Versuch es doch einmal.

 

 

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